Kommentar

Vom Projekt zur Struktur

Mit der konstituierenden Sitzung der Nationalen Plattform am 29. September 2015 in Berlin wurde der offizielle Startschuss für den Beginn des Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) 2015-2019 in Deutschland gegeben. Es steht unter dem Motto „Vom Projekt zur Struktur“.

 

Für die Berufsbildung bedeutet das: Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung sollen in Curricula, Lehrplänen und Ausbildungsordnungen verankert werden. Dazu sollen Berufsbildungsakteure entsprechende Instrumente an die Hand bekommen, und die Ergebnisse des Modellversuchsförderschwerpunkts „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“ (BBNE) sollen systematisch in weitere Strukturen, Bereiche, Branchen und Berufe transferiert werden. So weit, so gut.

Auch im Zuge der UN-Dekade wurde an der Veränderung von Strukturen gearbeitet.
Die meisten Akteurinnen und Akteuren der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung dürften dem Anliegen des WAP zustimmen. Vermutlich warten viele schon ungeduldig darauf, dass nun endlich etwas passieren möge: Vom Projekt zur Struktur! Aber warum eigentlich erst jetzt? Waren die letzten 15 Jahre BBNE nur Fingerübungen für das große Konzert Weltaktionsprogramm, das jetzt gegeben wird? Haben nicht auch die Pioniere der BBNE von Beginn an und immer wieder die Notwendigkeit einer Verankerung von BBNE in Ordnungsmitteln und in Lehrplänen sowie in der Organisationsentwicklung von Berufsbildungseinrichtungen und in einer systematischen Qualifizierung des Lehr-/Ausbildungs- und Prüfungspersonals betont? Ist dazu nicht auch eine große Anzahl von Vorschlägen entwickelt und erprobt worden? Warum wurden und werden die nicht aufgegriffen und in den Strukturen der beruflichen Bildung verankert?

Die fehlende strukturelle Verankerung liegt in der Struktur der Berufsbildung begründet.
Es hat einen Grund, dass die strukturelle Verankerung von BBNE im System der Berufsbildung nicht so recht voran kommt, und der ist in der Struktur der Berufsbildung zu finden. Ausbildungsinhalte werden in erster Linie von den Sozialpartnern und den von ihnen repräsentierten Organisationen festgelegt. Wenn es nicht gelingt, diese zu überzeugen und für BBNE zu gewinnen, wird sich schlichtweg nichts ändern. Wenn die Kultusministerien der Länder und die ihnen nachgeordneten Behörden BBNE als ein Thema unter vielen ansehen und nicht forcieren, werden sich auch weiterhin nur einzelne engagierte berufsbildenden Schulen und Lehrkräfte intensiv mit BBNE beschäftigen.

Warum sollte jetzt gelingen, was 15 Jahre lang erfolglos war?
Es ist nicht zu erkennen, weshalb das Weltaktionsprogramm in Deutschland, das in seiner Umsetzungsstruktur fast genauso angelegt ist wie die UN-Dekade (nur heißen die Gremien und Aktionsformen jetzt anders), erfolgreicher sein sollte als sein Vorläufer. Weiterhin wird vornehmlich auf das Engagement Einzelner und die Verbreitung gelungener Praxisbeispiele gesetzt. Dies ist zwar notwendig, aber bei Weitem nicht hinreichend. Notwendig sind vor allem eine strategische Einbettung der Berufsbildung etwa in die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sowie weitere strategische Konzepte und Maßnahmen u.a. auf umwelt-, wirtschafts- und berufsbildungspolitischer Ebene. Entscheidend wird sein, ob und inwieweit es gelingt, die relevanten Anspruchsgruppen in den Prozess zu integrieren, zu überzeugen und zum Fürsprecher von BBNE zu machen. Gelingt dies nicht, bleibt die berechtigte Forderung nach dem Übergang vom Projekt zur Struktur nur ein weiterer Slogan ohne Wert.