Berufsbildung

Nachhaltige Entwicklung gehört in das Zentrum einer zukunftsfähigen modernen Berufsbildung.

Nachhaltige Entwicklung ist die größte Herausforderung unserer Zeit, und damit steht Nachhaltigkeit auch im Zentrum einer zukunftsfähigen modernen Berufsbildung. Nachhaltigkeit steht für die Vision einer umweltverträglichen und sozial gerechten zukunftsfähigen gesellschaftlichen Entwicklung, zu der auch Berufsbildung ihren spezifischen Beitrag leisten muss.

Nachhaltige Entwicklung kommt nicht von allein.
Quelle: SRU 2012, S. 378

Nachhaltigkeit erfordert größte Anstrengungen, denn sie kommt nicht von allein. Im Gegenteil: Derzeit weisen alle relevanten Trends hin in Richtung einer nicht-nachhaltigen Entwicklung mit bereits absehbaren ökologischen und sozialen Folgen. Nach wie vor ist die Überwindung absoluter Armut in vielen Teilen der Welt ein ungelöstes Problem, übersteigt die Nutzung natürlicher Ressourcen weltweit die natürliche Regenerationsfähigkeit des Planeten bereits seit Jahren erheblich. Eine nachhaltige Entwicklung wird sich erst dann einstellen, wenn der absolute Materialverbrauch drastisch gesenkt wird (in Industriestaaten ist von Faktor 10 die Rede); relative Effizienzsteigerungen reichen aufgrund des dramatischen globalen Bevölkerungswachstums bei weitem nicht aus. Darauf weist u.a. auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem Umweltgutachten 2012, Verantwortung in einer begrenzten Welt, hin: "Ein überladenes Schiff kann nicht durch das Verschieben der Fracht vor dem Untergehen bewahrt werden, sondern vor allem dadurch, dass die Ladung auf ein verträgliches Maß reduziert wird. Dies bedeutet, dass es nicht in erster Linie darum gehen kann, lediglich eine effiziente Nutzung und Verteilung der natürlichen Ressourcen zu erreichen. Vor allem muss die Umweltnutzung absolut begrenzt werden“ (ebd., S. 38f).
[Abb.: SRU 2012, S. 378]

Nachhaltige Entwicklung betrifft alle.

Nachhaltigkeit ist somit „kein Thema wie jedes anderes“. Nachhaltigkeit fordert dazu heraus, bestehende Denkweisen und Handlungsroutinen daraufhin zu reflektieren, ob sie in einer globalisierten Welt grundsätzlich für alle gangbar und zukunftstauglich sind. Nachhaltigkeit erfordert eine neue Perspektive in allen Lebensbereichen. Nachhaltigkeitskompetenzen spielen daher auch im Arbeitsleben eine immer größere Rolle. Dies betrifft nicht nur Spezialistinnen und Spezialisten. Nachhaltigkeitsanforderungen finden sich in jeder berufliche Tätigkeit – wenngleich in unterschiedlichem Maße. Auf diese Anforderung müssen alle Berufstätigen vorbereitet werden.

Nachhaltige Entwicklung fordert die Berufsbildung heraus.

Sowohl im Rahmen der Diskussion über die Umsetzung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung als auch im Zuge der ökologischen Wirtschaft (Green Economy) wird der Berufsbildung eine Schlüsselrolle zugewiesen. Eine an Nachhaltigkeit orientierte Wirtschaft benötigt gut ausgebildete Fachkräfte, die in der Lage sind, berufliche Handlungssituationen in ihrem Handlungs- und Entscheidungsbereich im Sinne der Leitideen nachhaltiger Entwicklung verantwortlich gestalten zu können. Aber auch die Berufsbildung selbst ist gefordert, sich neu auszurichten und ihr Selbstverständnis und ihre gesellschaftliche Rolle grundlegend zu überprüfen, denn: Berufsbildung, die sich der Förderung beruflicher und gesellschaftlicher Gestaltungskompetenz verschrieben hat, kann zu einem Schlüssel für die nachhaltige Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft werden. Demgegenüber ist eine Berufsbildung, die sich unkritisch dem konventionellen Wirtschaftssystem verschreibt und die Dringlichkeit einer nachhaltigen Entwicklung hintertreibt, ein Teil des Problems und nicht der Lösung.

Auf den verschiedenen Systemebenen stellen sich unterschiedliche Anforderungen.

Die strategische Integration von Nachhaltigkeitsanforderungen in die Berufsbildung stellt sich auf den verschiedenen Systemebenen auf unterschiedliche Weise:

  • Makroebene: Wie lässt sich der Diskurs um Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zu einem Hauptthema der Berufsbildung entwickeln? Wie können nachhaltigkeitsspezifische berufsfachliche oder -übergreifende Kompetenzanforderungen identifiziert, operationalisiert und im Berufsbildungssystem angemessen verankert werden?
  • Mesoebene: Welche Anforderungen stellen sich an Berufsbildungsstätten? Wie lässt sich Nachhaltigkeit systematisch in die Organisationsentwicklung betrieblicher, außer- und überbetrieblicher Bildungseinrichtungen sowie Berufsbildender Schulen integrieren?
  • Mikroebene: Wie lassen sich nachhaltigkeitsrelevante Kompetenzen in beruflichen Lehr-Lernprozessen adäquat fördern? Welche Lehr-Lernarrangements, welche Methoden und Medien sind geeignet bzw. zu entwickeln, und wie können Lehr- und Ausbildungskräfte sowie Prüfer/innen für diesen neuen Aufgabenbereich sensibilisiert und qualifiziert werden?
Es geht im Kern um System- und Gestaltungskompetenz sowie Produzentenverantwortung.

Da nachhaltiges Handeln für jeden Beruf und für jede Branche von Bedeutung ist, ist die Kompetenz zum nachhaltigen beruflichen Handeln somit integraler Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz.
Während in allgemeinbildenden Lehr-/Lernprozessen der Einzelne in erster Linie in seiner Verantwortung als Konsument angesprochen wird, geht es bei der integrativen Berücksichtigung von Anforderungen nachhaltiger Entwicklung in der Berufsbildung um die Förderung von beruflicher und gesellschaftlicher Gestaltungskompetenz sowie der Bereitschaft zur Übernahme von Produzentenverantwortung in gegebenen (betrieblichen) Handlungs- und Entscheidungsspielräumen.

Nachhaltige Entwicklung zielt auf Zukunftsfähigkeit und Zukunftsgestaltung und erweitert damit das Spektrum der beruflichen Handlungskompetenz um Fähigkeiten zur (vgl. Hahne 2007)

  • Reflexion und Bewertung der direkten und indirekten Wirkungen beruflichen Handelns auf die Umwelt sowie die Lebens- und Arbeitsbedingungen heutiger und zukünftiger Generationen;
  • fachkompetenten Mitgestaltung von Arbeit, Wirtschaft und Technik;
  • Umsetzung von nachhaltigem Energie- und Ressourcenmanagement im beruflichen und lebensweltlichen Handeln auf der Grundlage von Wissen;
  •  berufsübergreifenden Kommunikation und Kooperation in der Wertschöpfungskette;
  • Beteiligung am betrieblichen und gesellschaftlichen Dialog über nachhaltige Entwicklung.

Fachlich geht es im Wesentlichen um die effektive (nicht nur effiziente) Nutzung von Energie und Materialien sowie um die kompetente, d.h. auch kritisch-reflektierende Anwendung von Technologien und Verfahren

Berufsbildungseinrichtungen kommt eine Schlüsselrolle zu.

Wenn der Berufsbildung im Kontext von Green Economy und nachhaltiger Entwicklung eine Schlüsselrolle zukommt, dann ergeben sich daraus erhebliche Anforderungen an die staatlichen und privaten Berufsbildungsstätten: Hier manifestieren sich die auf Makroebene entwickelten Ansätze und Konzepte zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten in Berufsbildungsgängen. Hier zeigt sich in der Praxis, welche Kompetenzen gefördert und ausgebildet werden, um durch kompetente berufliche Tätigkeit am gesellschaftlichen Transformationsprozess hin zu einer nachhaltigen Entwicklung mitwirken zu können – oder nicht.

Quelle: Mertineit 2014

Einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu entwickeln, wird somit zu einer Kernaufgabe von Berufsbildungseinrichtungen. Dabei geht es um erheblich mehr als ein zusätzliches, vorübergehendes Thema, das man einzelnen engagierten Lehrkräften überlassen oder am Rande in einzelnen Projekten behandeln könnte. Berufsbildungseinrichtungen sollten (nicht nur, aber auch) zu einem Lernort werden, an dem angebotene Problemlösungen kritisch hinterfragt und weiterentwickelt werden.

Von unserem Institut  wurde Anfang 2015 ein Qualitätsmodell nachhaltiger Schulentwicklung vorgelegt. Es besteht aus zehn Qualitätsfeldern (je fünf Input-und Output-Bereiche, die jeweils mit Leitsätzen und Kriterien (Input-Bereiche) bzw. Leitsätzen sowie Kriterien und Indikatoren (Output-Bereiche) hinterlegt sind. Basis ist eine fundierte Berufsbildungsarbeit in der Einrichtung. Das Konzept berücksichtigt alle in diversen Programmen und Projekten erarbeiten Kriterien und Ansätze und wird im Rahmen des Projekts „BBS futur 2.0" der Leuphana Universität Lüneburg erprobt.

[Download des Qualitätsmodells als PDF]

Bei Interesse wenden Sie sich bitte für weitergehende Informationen an unser Institut.